Wörter, Zeilen oder Stunden – Mengeneinheiten für Übersetzungsleistungen
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Wörter, Zeilen oder Stunden – Mengeneinheiten für Übersetzungsleistungen

Mengeneinheiten sollen die Kosten einer Über­setzung kalkulierbar machen. Sie sind ein Hilfs­mittel um Preis­vereinbarungen zu treffen und Über­raschungen, vor allem für Auftrag­geber zu ver­meiden. Doch was ver­birgt sich eigentl­ich hinter den ver­schiedenen Mengen­einheiten und wann nimmt man welche?

In der Übersetzungs­branche gibt es eine Viel­zahl möglicher Berechnungs­methoden. Dabei kann zwischen Mengen­einheiten zum Umfang, also der Text­menge einer Über­setzung, (Zeichen, Wörter, Zeilen, Seiten, Begriffe, Einträge, …) und solchen zum zeit­lichen Auf­wand der Übersetzung (Stunde, Tage, Wochen, …) unter­schieden werden.

In der Praxis wird häufig eine Kalkulation über die Text­menge be­vorzugt, weil sich so bereits vor der Über­setzung Preis­vereinbarungen leichter treffen lassen. Da Über­setzungen aber vor allem das Er­gebnis einer Tätigkeit sind, zählt für den Über­setzer vor­rangig der Verdienst, den er bei einem be­stimmten zeit­lichen Auf­wand erreichen kann.

Früher, in der Zeit vor den Computern, wurden Über­setzungen oft über die Anzahl der Zeilen des Ziel­textes ab­gerechnet. Dabei wurde die An­zahl der Zeilen über die An­zahl der An­schläge er­mittelt, die man mit einer Schreib­maschine in eine Zeile schreiben konnte. Das lag vor allem daran, dass man diesen Wert recht einfach er­mitteln konnte. Schreib­maschinen hatten nämlich nicht-proportionale Lettern, bei denen ähnlich der Schriftart Courier, jeder Buchstabe und jedes Zeichen die gleiche Breite in An­spruch nimmt. So konnte man einfach die Zeilen auf einer Seite durch­zählen oder bei einheitlichem Zeilen­abstand die Anzahl der Seiten zählen, um die Abrechnungs­menge zu ermitteln.

Wörter oder Zeilen – das ist hier die Frage

Mit der zunehmenden Ver­wendung von Computern für das Schreiben und später auch von Translation-Memory-Systemen für das Über­setzen haben sich die Möglichkeiten der Mengen­ermittlung deut­lich er­weitert. Lange Zeit wurde im deutsch­sprachigen Raum weiterhin die Zeile zur Ab­rechnung genutzt, während in anderen Sprach­räumen vor allem die Anzahl der Wörter gezählt wird.

Hintergrund hierfür ist die Be­liebtheit von Komposita in der deutschen Sprache. Durch die Zusammen­setzung von Einzel­wörtern (Komposita) werden gerne neue Wörter ge­schaffen. Das führt dann dazu, dass die Anzahl der Wörter in deutschen Texten signifikant ge­ringer ist, als in anderen Sprachen. So hat eine Zeile im Deutschen oft nur 7 – 8 Wörter, während der gleiche Inhalt im Eng­lischen eher mit 9 – 10 Wörtern aus­gedrückt wird. Der Zeit­aufwand für die Über­setzung von deutschen Wörtern ist daher etwa 10 % höher als beispiels­weise bei Über­setzungen aus dem Eng­lischen. Gerade in der Technischen Kommunikation werden oft und gerne Komposita ver­wendet. Texte mit langen Komposita sind deutlich auf­wändiger in der Über­setzung als Texte mit vielen kleinen Wörtern. Trotzdem hat sich inzwischen die Ab­rechnung über die Anzahl der Wörter auch im deutsch­sprachigen Raum durchgesetzt.

Was ist ein Wort und was ist eine Zeile?

In der Praxis zeigen sich trotz der Verwendung von einfach klingenden Einheiten zur Textmenge oft Unterschiede in den Ergebnissen konkreter Kalkulationen.

So ist es bei der Ermittlung der Zeilenzahl durchaus üblich, die Zeichen eines Textes zu zählen und das Ergebnis durch 40, 50, 55 oder sogar 60 zu teilen. Manchmal werden Leerzeichen oder Tabulatoren mitgezählt und manchmal nicht.

Bei der Definition der Einheit Wort stellen sich ähnliche Fragen. Werden mit Binde­strich ver­bundene Wörter als ein oder zwei Wörter ge­zählt? Sind Zahlen auch ein Wort? Wie steht es mit Abkürzungen? Die in der Praxis ein­gesetzten Werk­zeuge zur Mengen­ermittlung unter­scheiden sich er­heblich in ihren Er­gebnissen und oft ist nicht ganz klar, was diese Werkzeuge genau machen.

Zeitlicher Aufwand oder Textmenge – ein pragmatischer Ansatz

Die Entscheidung, ob eine Übersetzung nach zeit­lichem Auf­wand oder Text­menge ab­gerechnet wird, kann man ganz prag­matisch treffen. Immer dann, wenn es möglich ist, den Auf­wand einer Übersetzung über die Text­menge ab­zubilden, eignet sich dies auch für die Kalkulation.

Gut geeignet sind zumeist Texte, die fort­laufend ge­schrieben sind und eine ein­heitliche Stilistik und Terminologie auf­weisen. Solche Texte findet man oft in der Technischen Kommunikation oder all­gemeinen Gebrauchs­texten. Schwierig sind Texte, in denen einzelne Wörter oder kurze Phrasen ohne er­läuternden Kontext ver­wendet werden. Dies findet sich z.B. in Stücklisten, Katalogen oder auch in Software­oberflächen (UI, GUI). Auch hierbei kann die Verwendung anderer Mengen­einheiten, wie Begriffe oder Ein­träge, eine bessere Ab­bildung von Aufwand zu Umfang ermöglichen.

Der Einsatz von speziellen Arbeits­umgebungen oder Software-Werkzeugen für die Über­setzung kann die Er­mittlung der Textmenge so er­schweren, dass eine Ab­rechnung über den Aufwand die bessere Alternative ist. Die Definition und Ver­einbarung spezifischer Leistungs­vorgaben kann helfen, um Über­raschungen bei der Ab­rechnung zu vermeiden.

 

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