Anekdoten eines Lokalisierungsveteranen
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Anekdoten eines Lokalisierungsveteranen

Im August 2020 voll­endete ich mein 30. Jahr in der Lokalisierungs­branche (trotz mehr­facher Ver­suche, ihr den Rücken zu kehren). Angesichts dieses Jubiläums möchte ich einige be­sondere Er­fahrungen schildern, die ich in all den Jahren gemacht habe.

Meine Karriere in der Lo­kalisierungs­branche begann nach meinem Bachelor­abschluss in Französisch, Russisch und International Relations (inter­nationale Be­ziehungen) an der University of Surrey und meinem Master­abschluss in Artificial Intelligence and Computational Linguistics (künstliche Intelligenz und Computer­linguistik) an der University of Sussex. Vieles von dem, was ich in meinem Master­studium lernte, ist heute gang und gäbe, aber damals war es zum großen Teil noch graue Theorie, weil Computer ein­fach noch nicht so viel leisten konnten.

Allerdings hatte ich das große Glück, meine be­rufliche Lauf­bahn in der internen Übersetzungs­abteilung von Rank Xerox in Welwyn Garden City in der eng­lischen Graf­schaft Hertfordshire be­ginnen zu dürfen. Mein da­maliger Arbeit­geber war näm­lich seiner­zeit schon recht weit fort­geschritten, was die Lo­kalisierungs­prozesse an­belangte. Wir nutzten Tools für die computer­unterstützte Über­setzung (CAT) mit einer gra­fischen Benutzungs­oberfläche, die die Über­setzung in ihrem un­mittelbaren Kontext anzeigte. Außerdem ver­fassten wir Texte in ver­einfachtem Englisch für die maschinelle Über­setzung (MT) und ent­wickelten MT-Sprachpaare für SYSTRAN.

Das waren hervor­ragende Start­bedingungen für die darauf­folgenden 30 Jahre.

Die Zielgruppe kennen und verstehen

Ich war noch nicht lange im Beruf, als mich jemand bat, einige unsere Über­setzungs-Tools vor­zuführen. Dadurch lernte ich eine wichtige Lektion über Präsentationen: Man sollte zunächst heraus­finden, was das Publikum schon weiß, und darauf aufbauen.

Die Demo war für einen sehr er­fahrenen aus­ländischen Gast unserer Ab­teilung ge­dacht, dessen genaue Funktion niemand so recht zu kennen schien. Ich weiß noch, dass er einen großen Cowboy­hut trug. Er nahm sich einen Stuhl, setzte sich neben mich und gemein­sam schauten wir auf zwei Bild­schirme – auf einem davon war das in Spalten unter­teilte Über­setzungs-Tool zu sehen, auf dem anderen die grafische Benutzungs­oberfläche des Produkts. Für damalige Ver­hältnisse war das sehr fortschrittlich.

Ich zeigte ihm die Terminologie­suche und das Translation Memory (TM), über­setzte einige Segmente und lud sie in die Be­nutzungs­oberflächen-Simulation, um den Kontext zu prä­sentieren. Außer­dem führte ich ihm vor, wie das Tool auf Platz­beschränkungen hinwies, wenn die Über­setzung länger aus­fiel als das englische Original. Ich passte dann die Über­setzung auf dem einen Bild­schirm an und über­trug sie auf den zweiten, um zu sehen, ob der Platz ausreichte.

Ich erinnere mich noch, wie er­leichtert ich war, dass die Demonstration so gut ge­laufen war. Mein Gast hin­gegen drehte sich zu den um uns stehenden Kollegen um und fragte: „Warum müssen wir diesen Mist über­haupt über­setzen?“ – so ist jedenfalls meine Erinnerung

Wenn das Wort „rosa“ zu lang ist

Ein Problem, das bei der Lokalisierung oft auf­tritt, zeigte sich bei einem frühen Projekt, an dem ich mitwirkte. Es ging um die An­passung eines japanischen Kopier­geräts für den euro­päischen Markt. Der Kopierer konnte ver­schiedene Farb­töne re­produzieren, die auf der ein­zeiligen LCD-Anzeige angezeigt wurden.

Nach einigen technischen Ver­zögerungen wurde das Pro­dukt in eng­lischer Sprache lo­kalisiert, was recht problem­los verlief. Das japanische Wort ピンク für die Farbe Rosa bzw. die eng­lische Ent­sprechung „pink“ wurden fehler­frei an­gezeigt. Bei der Über­setzung ins Finnische gab es jedoch Schwierig­keiten: Das finnische Äquivalent lautet „vaaleanpunainen“ – das war für die LCD-Anzeige ein­fach zu lang und eine ge­eignete Ab­kürzung gab es nicht. Die Lösung war, an­stelle der Farb­bezeichnungen einfach Nummern an­zuzeigen und der Be­dienungs­anleitung eine Legende mit den dazu­gehörigen Farben hinzuzufügen.

Schwarze Kästchen

Eines der größten Projekte, an denen ich mit­arbeiten durfte, war die sehr umfang­reiche Über­setzung eines Systems namens DocuTech Production Publisher ins Russische – ein früher Digital­drucker und in seinem Funktions­umfang damals eine Neuheit. Zum Projekt ge­hörten Hunderte Seiten mit Hilfe­texten, die über einen Touch­screen ab­gerufen werden konnten.

Doch als der nagelneue Chip mit dem eng­lischen Ausgangs­text und der russischen Über­setzung aus den USA eintraf und im Gerät in­stalliert wurde, gab es ein Prob­lem. Scheinbar wahllos er­schienen auf dem Display mit­unter schwarze Kästchen anstelle russischer Buchstaben.

Ich war damals noch relativ neu in der Firma und hatte drei Jahre Russisch als Fremd­sprache hinter mir. Als Experte für alle Fragen rund um Russisch wurde ich ge­beten, mir die Sache an­zusehen. Mit meinem russischen Wort­schatz auf Konversations­niveau – aus­gesprochen nützlich, um sich über die Segnungen der Sowjetunion zu unter­halten (die in der Zeit zwischen meinem Studien­abschluss und meinem Berufs­einstieg zusammen­gebrochen war) – hatte ich aber meine liebe Not, eine Bedienungs­anleitung für einen Kopierer zu ver­stehen. Nach einer Weile fand ich heraus, dass die schwarzen Kästchen keines­wegs wahl­los er­schienen, sondern immer da, wo ein so­genanntes Weichheits­zeichen hätte stehen sollen (der Buchstabe „ь“). Dieser Buch­stabe steht nach be­stimmten Kon­sonanten und ver­ändert deren Aus­sprache, die dadurch „weicher“ wird. Auch die Be­deutung des Wortes kann sich da­durch ver­ändern. Beispiels­weise bedeutet „угол“, in der Um­schrift „ugol“, ohne Weichheits­zeichen „Ecke“ (Aus­sprache siehe hier). Fügt man diesem Wort jedoch ein Weichheits­zeichen hinzu, also „уголь“ bzw. „ugol’“, wobei der Apostroph für das Weichheits­zeichen steht, bedeutet es „Kohle“ (Aus­sprache siehe hier).

Wir riefen das Entwicklungs­team an und er­läuterten ihm, was wir heraus­gefunden hatten. Die Antwort lautete: Auf dem Chip sei nicht genug Platz für alle englischen und russischen Schrift­zeichen, also habe man einfach ein paar kyrillische Buch­staben aus­gelassen, die nicht so wichtig er­schienen. Nach einer kurzen Diskussion ließ sich das Team über­zeugen, dass dieser ver­meintlich nutz­lose Buch­stabe eben doch wichtig war. Wir kamen schließlich überein, einige vor­revolutionäre Buch­staben aus dem Zeichen­satz zu ent­fernen – in der Hoffnung, dass sie nach dem Aus­einander­brechen der Sowjetunion nicht wieder in Mode kommen würden – und das Weichheits­zeichen wieder hinzufügen.

Auf die Plätze, fertig, übersetzen

Des Weiteren hatte ich das Glück, in ver­schiedene Aspekte der MT ein­gebunden zu werden. In einem Projekt sollte ver­glichen werden, was effizienter ist: das Post-Editing einer Raw-MT in einer Um­gebung für das Desktop-Publishing (DTP) oder die Über­setzung mithilfe eines CAT-Tools. Damals gab es noch kein Trados. Der neueste Stand der Technik in Sachen CAT war statt­dessen ein mit einem Server ver­bundenes Terminal. Das CAT-Tool umfasste zwei Spalten – Ausgangs- und Zieltext – und eine auto­matische Wörter­buch­suche mit Tasten­kürzeln. Für MT-Zwecke ver­wendeten wir SYSTRAN-Output, der in Viewpoint – der DTP-Umgebung von Xerox – nach­bearbeitet wurde. Dies war seiner­zeit fort­schrittlicher als alles, was Microsoft zu bieten hatte.

Um die Vergleichbarkeit – oder zumindest den Anschein von Vergleich­barkeit – zu ge­währ­leisten, mussten jede Menge Aspekte bedacht werden. Meines Er­achtens leisteten wir bei dem Effizienz­vergleich gute Arbeit und gingen so objektiv vor wie möglich. Das Er­gebnis war jedoch eine Über­raschung, zu­mindest für mich: Tatsächlich gab es zwischen beiden An­sätzen nämlich keinen großen Unter­schied. Bei der Dokumentation gab es eine hohe TM-Über­einstimmung, d. h., das CAT-Ergebnis und der MT-Output mit Post-Editing waren nahezu identisch. Als wichtigster Effizienz­faktor erwies sich die Kompetenz des Linguisten im Umgang mit dem CAT-Tool oder der DTP-Umgebung. Heut­zutage basieren technisch weiter fort­geschrittene An­sätze auf einer Mischung aus TM und MT. Adaptive Ansätze befinden sich in der Entwicklungsphase.

Die wesentliche Erkenntnis von damals gilt aber auch heute noch. Denn in einem Gespräch auf einer MT-Konferenz, an der ich letztes Jahr teilnahm, wurde eine Studie vor­gestellt, die zu dem Er­gebnis kam, der wichtigste Einfluss­faktor auf den Durch­satz eines Post-Editors sei nicht die Qualität der Raw-MT, sondern die Fähigkeit des Post-Editors, effiziente Arbeits­methoden zu finden. Plus ça change …

Obszönes Finnisch

Im Laufe der Jahre habe ich an vielen ver­schiedenen Lokalisierungs­projekten in der Auto­mobil­industrie und im Schwer­maschinen­bau ge­arbeitet. Solche Projekte sind immer interessant, ins­besondere wenn sie mit einer Werks­begehung ver­bunden sind. Einmal be­anstandete ein Kunde eine schlechte Über­setzung eines Tools für Fahrzeug­diagnosen und wir sollten unter­suchen, wo das Problem lag. Der Kunde war ein britischer Automobil­hersteller, der heute nicht mehr existiert (was aber um Himmels willen nicht an dem Diagnose-Tool lag).

Wenn ich mich recht entsinne, hielt sich damals eine Gruppe von Ingenieuren aus ver­schiedenen euro­päischen Ländern zu Schulungs­zwecken in Groß­britannien auf – die perfekte Ge­legenheit, direkt im Werk Feedback zu ver­schiedenen Sprachen einzuholen.

Ich sprach mit Ingenieuren unter­schiedlicher Her­kunft, die mit dem Tool ge­arbeitet hatten. Im Gespräch mit den fran­zösischen Ingenieuren stellte sich schnell heraus, dass das Pro­blem vor allem mit Variablen und ver­knüpften Zeichen­folgen zu tun hatte. Beispiels­weise gab es die folgenden vier Zeichen­folgen: „{door} open“ ({Tür} geöffnet), „{door} closed“ ({Tür} geschlossen), „{sunroof} open“ ({Schiebedach} geöffnet) und „{sunroof} closed“ ({Schiebedach} ge­schlossen) – diese wurden aus zwei anderen Zeichen­folgen in der Soft­ware er­zeugt, nämlich „{item}“ ({Element}) plus „open“ (geöffnet) und „{item}“ plus „closed“ (geschlossen). Im Fran­zösischen können die Ent­sprechungen der Adjektive „open“ und „closed“ jeweils zwei Formen an­nehmen: „ouverte“ und „ouvert“ bzw. „fermée“ und „fermé“ – je nach­dem, ob das dazu­gehörige französische Substantiv weiblich, wie bei „door“, oder männlich, wie bei „sunroof“, ist. Zum Zeit­punkt der Über­setzung wusste der Übersetzer aber nicht, worauf sich „open“ und „closed“ be­ziehen, weshalb für die Über­setzung nur die männliche Form ge­wählt wurde. Daneben gab es noch weitere Inter­nationalisierungs­probleme, aus denen sich typische, un­bedingt zu ver­meidende Fehler ab­leiten ließen, die heut­zutage jeder in der Sprach­service­branche kennen dürfte.

Meine Aufgabe war es, diese Pro­bleme zu melden, damit die Über­setzung an­gepasst werden konnte – soweit möglich, denn der Quell­code der Software ließ sich in seiner Struktur nicht mehr verändern. Bei den finnischen Ingenieuren stieß ich jedoch auf Granit. Irgend­wie hatte ich schon ge­ahnt, dass Finnisch wohl von allen Sprachen die meisten Probleme be­reiten würde. Auf Nach­frage be­richteten sie, dass jeden Morgen beim Hoch­fahren des Diagnose-Tools aus irgend­einem mir un­begreiflichen Grund (der wohl kaum mit ver­knüpften Zeichen­folgen zu tun gehabt haben dürfte) eine Meldung mit einer obszönen finnischen Rede­wendung er­schien. Dieser Um­stand sorgte bei den Finnen stets für Heiter­keit, weshalb sie auf keinen Fall eine Änderung wünschten.

Das Jahr 2000 und nationale Klischees

Einmal nahm ich eine kurze Auszeit von der Lokalisierung und be­teiligte mich statt­dessen an einer Unter­suchung, mit der fest­gestellt werden sollte, ob wichtige Standorte in ganz Europa für den Millennium-Bug ge­rüstet seien. Dabei sollte ich eine amerikanische Führungs­kraft be­gleiten, die einen sehr umfang­reichen Prüfungs­bogen herum­geschickt hatte, den jeder Standort aus­füllen musste. Gemeinsam sollten wir die Stand­orte be­suchen, die Fragen des Prüfungs­bogens durch­gehen und stich­proben­artig die Ant­worten kontrollieren.

Die Reaktionen der Teams in den einzelnen Ländern ent­sprachen beinahe den typischen nationalen Klischees:

  • Die Italiener teilten uns mit, wir müssten nicht kommen, weil schon nichts weiter passieren würde.
  • Die Deutschen sagten uns eben­falls, das wir nicht zu kommen bräuchten, weil sie schon alle Fragen gründ­lich be­antwortet hätten.
  • Die Schweizer em­pfingen uns gast­freundlich und führten uns durch den Stand­ort, wo der fertig aus­gefüllte Frage­bogen längst bereitlag.
  • Auch die Franzosen erwiesen uns ihre Gast­freundschaft – mit einer Kaffee­pause am späten Vor­mittag, dann einem üppigen Mittag­essen mit Wein, gefolgt von einer weiteren Kaffee­pause. Im Grunde sagten sie uns jedes Mal, wenn wir eine schwierige Frage stellten, dass es Zeit für einen Kaffee sei. So hielten sie uns erfolg­reich davon ab, ihren Frage­bogen gründlich in Augen­schein zu nehmen, bis das Taxi (zu früh) kam, das uns zum Flug­hafen zurückbrachte
    .

Für mich und sogar für meinen viel­gereisten amerikanischen Kollegen war dies eine sehr lehr­reiche Erfahrung. Der Millennium-Jahres­wechsel ging be­kanntlich ohne größere Pro­bleme über die Bühne – die Italiener hatten also recht behalten.

In den 30 Jahren meiner beruflichen Lauf­bahn in dieser Branche konnte ich Ge­schichten über Ereignisse sammeln, die in­zwischen längst ver­jährt sind. Möglicher­weise hat sich nicht alles exakt so zu­getragen wie in meiner Er­innerung, aber das muss nichts Schlechtes heißen. Ich hoffe, dass Ihnen meine Anek­doten ge­fallen haben, und vielleicht stimmen Sie mir zu, dass sie trotz der vielen Jahre, die zwischen­zeitlich ver­gangen sind, einige Er­kenntnisse be­inhalten, die auch heute noch gültig sind.

 

Vielen Dank an Solutions Architect Stuart Sklair für diesen unter­haltsamen Beitrag!

 

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